MYSTIK UND DER PANTHEISMUS

Von Hellmut Bölling

Mystik meint in seiner Vollendung, dass der Mensch zu einer hochzeitsartigen Verbindung mit dem Göttlichen gelangen kann. (Natürlich erfahren nur sehr wenige Menschen in vollem Umfang eine solche Hohe Zeit.) Es ist vermutlich – da ich nur mit Nebenformen dieser Einheit bisher in Berührung kam, von einer Innigkeit und Schönheit, die eine gelungene sexuelle Verbindung mit einem geliebten Partner in gewisser Weise erahnen lassen kann. Mit diesen ekstatischen Erleuchtungs-Erlebnissen verbindet sich zudem eine Lichterfahrung, von der auch vom Nahtod berührte Menschen berichten. Zum Licht gesellt sich die alles überstrahlende Haltung der Liebe zu, die in seiner edelsten Form traditionell als Agape bezeichnet wird. (Auf eine Art „Schwesterphilosophie“ zum Pantheismus, den Agapismus, würde es zu weit führen, hier einzugehen). Zudem kommt man in der Wahrheitsfrage ein ganz wichtiges Stück weiter: „Auf einmal sieht man „alles wie es ist“, stellt keine Fragen mehr, weil die Wahrheit schlicht und einfach da ist, vor einem liegt wie eine Landschaft, die man von einem hohen und sichtfreien Berggipfel aus betrachtet. In diese Erlebnissphäre zeigt sich sehr oft, dass alle Trennung nur in unserem Kopf passiert. Und dieses „Wunder“ lässt sich gut als der Gott (das Göttliche, die Transzendenz) sehen, von dem eben auch nichts abgetrennt erscheint. Der Schritt von der Vielgötterei zum Monotheismus, den die Menschheit getan hat, war in der Perspektive auch schon ein Schritt zu einer Einheit. Im Pantheismus könnte man nun korrekt davon sprechen, dass ein göttliches Prinzip (eine schöpferische Ur-Intelligenz,…) hinter allem steht. 

Ein Ergebnis dieser wie ein Blitz auftretenden Wahrheits-Erfahrung ist –wie gesagt- dass alle Trennung aufgehoben wird: Alle Menschen erspüren wir nun von innen her als wirkliche Schwestern und Brüder im Geiste; ja, es wird sogar die Ethik in einem durchaus pantheistischen Sinne insofern revolutioniert, als  alles Ur-Teilen als Spaltung gesehen wird. Wesenszüge des kirchennahen Gottesbildes betonen dagegen oft dessen Strenge und seinen drohenden Zeigefinger. All dies ist bei den Pantheisten unbekannt, wo ein für Kirchenkreise eher untypischer Denker wie Kusanus hineinpasst: Der sprach in diesem Zusammenhang vom Zusammenfall der Gegensätze, der auch den üblicherweise so stark betonten Unterschied von Gut-und-Böse wegschmelzen lässt. (Was natürlich nicht heißen soll, dass das Gesetz von Säen und Ernten auch nur eine Sekunde ausgehebelt wird.) 


Aus diesen Erfahrungen und der Betrachtungsweise als „Mystagoge“ –als der ich mich selbst sehe- mit diesen besonderen Bewusstseinserfahrungen nimmt die Liebe wie die Beseeltheit aller Wesen –und überhaupt allen Seins- eine besondere Stellung ein. Mit dem Erkennen der „Gleichwertigkeit“ aller Wesen vom Kern her entfällt jedes Konkurrieren-Wollen, aus der heraus bekanntlich viel Neid und ähnliches Destruktive erwächst. Es stärkt zudem die Verbundenheit aller als Menschheitsfamilie. Wenn alles eins ist, dann ist das Gott Genannte sozusagen „demokratisiert“ und jedes Denken in Hierarchien löst sich auf. Hier zeigt sich auf sehr schöne Weise, wie der Pantheismus, der ja Gott überall und in aller Breite verspürt, hier andocken kann. Dokumentierte Äußerungen von Eckhart, Franz von Assisi und Jakob Böhme bekräftigen auch, dass Mystik als Erfahrung ein pantheistisches Denken zur Folge hatte. Wenn alles Gott ist, dann ist auch alles gleichwertig. Es scheint mir gar, dass diese Schlussfolgerung fast zwangsläufig ist. 

In dieser pantheistisch-mystischen Sicht entwickelt sich ganz natürlich ein Respekt, Dankbarkeit, Liebe und Hochachtung vor diesem Universum. Ganzheitlich verstanden erscheint hier quasi eine neuartige Form des Fromm-Seins, die ich als das Wesen des Pantheismus bezeichnen würde. Man lernt wieder zu staunen, dass diese Welt überhaupt da ist – es könnte ja durchaus auch nichts existieren, was dann allerdings niemand und nichts feststellen könnte! Man empfindet eine wunderbare Logik im Aufbau der Schöpfung, erlebt sie als Geschenk, für dessen Erhalt wir nichts „leisten“ mussten, was im christlichen Raum bekanntlich als „die Gnade“ bezeichnet wird.

Ich möchte nochmal zusammenfassen, warum ich die Weltsicht der Pantheismus als das natürlichste Kind der Mystik ansehe:

- Wer die Einheitserfahrung als Mystiker macht, hat auch den natürlichen Zugang zur Überzeugung, dass alles eins ist. Alles wird dabei von der Liebe überstrahlt, die stets die Einheit mit dem geliebten Gegenüber als Ziel hat.

- Wenn jede Trennung –auch die zum Mitmenschen und dessen Göttlichkeit- als anerzogen erkannt wird, wird die friedensstiftende Wirkung beider Teil-Anschauungen deutlich.

- Beide Anschauungen stellen die Erfahrung in den Mittelpunkt, keine von vielen Deutungsproblemen verunklarte Heilige Schriften.

Autor:

Hellmut Bölling